Meine Kurzgeschichten

Nur ein einziger Moment

Im März vor zwei Jahren, an einem lauen Sonntagmorgen, geschah das Ereignis, das mich bis heute begleitet. Normalerweise saß ich um diese Zeit am Frühstückstisch, doch plötzlich hatte ich das Gefühl, in meiner Wohnung keine Luft mehr zu bekommen, ich musste raus. Ich ging in den nächstgelegenen Park und nach einem ausgiebigen Spaziergang setzte ich mich auf eine Parkbank. Ich lauschte den Vögeln, die von ihrer Reise aus dem Süden zurückkehrten. Der Tau, der sich auf der Wiese gesammelt hatte, wich allmählich den aufkommenden Sonnenstrahlen. Früher hatte ich solche Augenblicke sehr genossen und mich ganz im Moment fallen lassen. Doch das war schon lange nicht mehr so. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal bedingungslos glücklich war. Mittlerweile umschlich mich ein alles umfassendes Gefühl der Leere. Während ich dasaß und über die Vorkommnisse auf der Arbeit nachdachte, die sich in letzter Zeit ereigneten, hörte ich die Stimme eines Mannes. Erst ganz leise aus der Distanz, dann immer klarer. So riss mich der Mann unbeabsichtigt aus meinen Gedanken, worüber ich ihm sehr dankbar war. Es gab mittlerweile nur noch wenige Momente, in denen ich nicht negativ dachte, das wurde mir in den letzten Monaten bewusst. Allerdings schaffte ich es immer seltener, aus dem Gedankenkarussell auszubrechen. 

„Dann musst du das prüfen“, sagte der Mann bestimmt in sein Telefon. „Du kannst nicht, wieso kannst du das nicht? Na gut, dann kümmere ich mich heute noch darum.“ 

Er kam jetzt immer näher und ich beobachtete ihn eingehend. Tiefe, dunkle Ringe umrandeten seine Augen, seine Mundwinkel wirkten angespannt. Und ehe ich mich versah, setzte er sich neben mich auf die Parkbank. Hatte er bemerkt, dass ich ihn gemustert hatte? Hoffentlich nicht, das wäre ganz schön peinlich. Doch für den Moment blieb es still. Und so saßen wir einige Minuten schweigend nebeneinander. Irgendwann versank er den Kopf in seinen Händen und ein lautes „Verdammt nochmal“ entsprang seiner Kehle.

Ich schaute zu ihm rüber und im selben Moment musste er bemerkt haben, dass er nicht alleine war. 

„Sorry“, entgegnete er mir. 

„Kein Problem“, antwortete ich und sagte daraufhin einige Atemzüge lang nichts. „Möchten Sie darüber reden?“, entsprang es mir dann, selbst überrascht von meinen Worten. 

Zunächst musterte er mich. Er legte seine Stirn in Falten und verengte seinen Blick. Dann entschied er sich zu antworten. „Ich muss heute noch einiges erledigen. Wissen Sie, ich bin selbständig und ich habe meine Arbeit immer geliebt. Selbst Überstunden machten mir nichts aus. Doch mittlerweile erscheint mir alles nur noch lästig.“ 

Ich dachte kurz über seine Worte nach und überlegte, was ich sagen sollte. Ich entschied mich, ihm auch etwas von mir preiszugeben. „Wissen Sie, mir geht es ähnlich. Mein Job raubt mir viel Energie und die Zusammenarbeit mit den Kollegen ist nicht einfach. Sie haben also Ihr eigenes Unternehmen? In welcher Branche sind Sie tätig?“ 

„Ich arbeite in der Immobilienbranche und bin Geschäftsführer eines Maklerbüros. Ich habe auch seit geraumer Zeit das Gefühl, dass mein Job mir viel Energie raubt, zu viel. Hinzu kommt, dass ich weder für mich selbst noch für andere Menschen Zeit habe, von einer Beziehung ganz zu schweigen. Tja, aber das ist wohl der Fluch der Selbständigkeit. Wieso ist die Zusammenarbeit mit Ihren Arbeitskollegen lästig?“

 „Ach, wissen Sie, meine Kollegen tun immer so, als wüssten sie alles besser als ich und stellen mich oft als kleines Dummerchen dar. Zudem lästern sie im Büro gerne über andere Arbeitskollegen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie hinter meinem Rücken auch über mich lästern.“

 „Mmh, klingt für mich ehrlich gesagt nach Mobbing“, antwortete er analysierend. 

„Nein, Mobbing würde ich es nicht nennen, aber klar, deren Bemerkungen lassen mich nicht gerade kalt.“ 

„Aber denken Sie daran, deren Verhalten ist eine Reaktion darauf, wie diese Leute sind, nicht darauf, wie Sie sind. Meist suchen sie sich nur ein paar „Opfer“ um sich selbst besser zu fühlen.“ 

Ich ließ ein paar Sekunden verstreichen, blieb still und musterte die Bäume, die sich friedlich im Einklang des Windes hin und her bewegten, während ich über seine Worte nachdachte. „Da ist was dran“, antwortete ich, „so habe ich das noch nie betrachtet.“ 

Er drehte den Kopf weiter in meine Richtung und schaute mir tief in die Augen. Für einen kurzen Moment war mir dabei etwas mulmig zumute. Doch dann fragte er zu Recht: „Aber wenn Sie weder Ihren Job mögen noch mit Ihren Kollegen auskommen, wieso arbeiten Sie dann dort?“

Etwas überrumpelt von seiner Frage begann ich sofort, ohne groß nachzudenken, zu antworten. Denn ich wollte nicht, dass er dachte, ich könnte eine so wichtige Frage nicht beantworten. „Gute Frage, ich schätze, ich habe einfach Angst davor, was danach kommen könnte. Eigentlich wollte ich immer Schriftstellerin werden, aber was, wenn ich es nicht schaffe?“

„Was, wenn doch?“, konterte der Mann und ohne es vermutlich beabsichtigt zu haben, entfesselte er damit ein Gefühl in mir, das ich seit Jahren nicht mehr spürte und schon fast vergessen hatte. Ich fühlte mich hoffnungsvoll. Augenblicklich musste ich lächeln. 

„Was machen Sie denn sonst so, abgesehen von Ihrem Beruf?“, fragte ich ihn, um ein wenig von mir selbst abzulenken. 

„Mhmm, ich habe eigentlich keine Hobbies, mir fehlt dafür die Zeit.“ 

„Keine Hobbies? Kommen Sie, jeder Mensch hat Hobbies oder irgendetwas, das er gerne tut.“ 

„Naja, ich habe früher wahnsinnig gerne Webseiten und Spiele programmiert. Ich fand es faszinierend zu sehen, welche Welten sich durch das Erstellen von Codes auftun können.“ 

Während er mir vom Programmieren erzählte, wirkte er offener und freundlicher als am Anfang unseres Gesprächs. Seine Mundwinkel zogen sich nach oben, die dunklen Augenringe wirkten plötzlich nicht mehr so tief, seine Haltung war aufrechter. „Das klingt sehr interessant.“

„Das ist es auch. Vielleicht sollte ich mich wirklich mal wieder damit beschäftigen.“ 

„Tun Sie das.“ 

„Und Sie sollten anfangen zu schreiben.“ 

„Was ich? Ich weiß nicht…“ 

„Lassen Sie uns einen Pakt schließen. In genau drei Monaten, am 15.06. um 10 Uhr morgens, treffen wir uns wieder auf dieser Parkbank und erzählen uns von den kleinen Veränderungen, die wir bewirkt haben.“ 

„Das klingt wirklich spannend, abgemacht. Übrigens, ich heiße Anne“. 

„Anne, ein schöner Name. Ich bin Mario, freut mich, Sie in drei Monaten wiederzusehen.“

Wir mussten beide bei dem Gedanken an unseren verrückten Plan lachen und besiegelten unser Versprechen mit einem Handschlag. Während ich nach seiner Hand griff, wurde mir schlagartig warm ums Herz und in diesem Moment war mir klar, das könnte der Beginn von etwas Großem werden.

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